These were good minutes! And thank you for watching!

Ein Kommentar zu  “Filling the Fade”

Erinnern – das Hereinholen der Vergangenheit in die Gegenwart – bedeutet immer auch an einem „Gedächtnis der Formen“ mitzuwirken. Anders ausgedrückt: Erinnerung und Erinnern sind an ein Medium gebunden, mittels dessen sie stattfinden. Eines dieser „Gedächtnismedien“ sind wir selbst. Nicht nur speichern wir Erinnerungen unseres eigenen Lebens, sondern auch die unserer Vorfahren, sichtbar am genetischen Code, in unserer Sprache aber auch in Gesten und Haltungen unseres Körpers oder in Form von emotionalen Mustern, die mehr oder weniger bewusst unsere Sicht auf die Welt beeinflussen. Der ursprünglichste Akt des Erinnerns ist wohl ein mimetischer Akt. Er ist entweder fast so unbewusst und nicht steuerbar wie unser genetisch weitergegebenes „Erinnerungsmaterial“ oder aber ein bewusster Akt, die Weiter- und Wiedergabe von Handlungen und Wissen, das Erinnern im Tun und das Erinnern im Darstellen.
Ein anderes Medium des Erinnerns ist die Sprache. Durch sie formen sich Geschehnisse zu kollektiv erinnerten Ereignissen, zu Geschichten und Erzählungen und wird Erinnerung (mit-)teilbar. Auf diese Weise bildet Sprache laut Halbwachs die Basis gruppenbezogener wie individueller Identitätsentwürfe auf der Grundlage geteilter Erinnerungsmuster. Die mediale Durchdringung von Erinnerung steuert folglich auch unsere Identitätsentwürfe. Das hieße im Grunde, wir sind, was andere schon waren. Erinnern besitzt aber gerade, weil es medial ist, Spielräume, Variationsmöglichkeiten und damit Raum zur Selbstbefragung und der Infragestellung der eigenen Identitätskonstruktion. Mittels Erinnern können wir sein, was andere noch nicht waren, indem wir in Distanz zu unser eigenen Erinnerung treten.

Jede Zeit bringt ihre Erinnerungskultur, d.h. ritualisierte Formen, hervor, in der sich Erinnerung im Zusammenschluss bestimmter Operationen und Darstellungsmodi in Form von Erinnerungsfiguren realisiert. Dabei sind sie von dem sie hervorbringenden Medium beeinflusst. Ein Gang über den Flohmarkt genügt, um sich angesichts zahlreicher Fotoalben analoger Fotografie zu vergegenwärtigen, was das heißt. Das operationelle Moment der Fotografie schleift Erinnerungsfiguren von Festen, Reisen, Hochzeiten usw. ein. Sie bilden einen eigenen Erinnerungskosmos, innerhalb dessen sich die einzelne Erinnerung verorten lässt. Mit dem Wechsel des Mediums verschwinden diese Figuren nicht zwangsläufig. Manche setzen sich fort, wandeln sich, werden vergessen oder erfahren gegebenenfalls eine Art Renaissance. Während einigen Medien allein durch ihre sich verändernde Materialität so etwas wie Erinnerungspatina anhaftet, wodurch sie sich in eine Art „archäologisches Fundstück“ verwandeln, fallen in dem Medium des Netzes Vergangenheit und Gegenwart auf neue Art zusammen. Als Distributions- und zugleich Speichermedium beflügelt es in unvorstellbar hohem Maße die Produktion und Re-Produktion von Erinnerungsfiguren. Dabei speichert es nicht nur generisch originelles Material, sondern konserviert mittels Digitalisierung auch einst analoge Speichermedien wie Super8-Filme, alte Fotos etc. War das Fotoalben, auch wenn es sich in seiner Ästhetik der Mehrheitskultur anpasste, für einen kleinen Kreis gedacht, so ist im Vergleich dazu im Netz sowohl die Zahl der Produzenten als auch die Zahl der Empfänger um ein Vielfaches gewachsen.

Die interaktive Netzinstallation „Filling the Fade“ von Axel Menning und Robert Sakrowski, die im Rahmen der von Oktober 2010 bis Januar 2011 stattfindenden Ausstellung „J’veux pas grandir“ im „Le Cube“, dem Zentrum für digitale Kunst, entstand, nähert sich der Frage nach dem Hervorbringen einer veränderten Erinnerungskultur durch das Netz auf seine Weise. Sie tut dies anhand des Themas „Kindheitserinnerung“ auf der Distributionsplattform „YouTube“. In einem Grid aus 6×8 Flächen bestehend, werden 48 filmische Beiträge, die aus dieser Plattform stammen, zu einem Gesamtbild angeordnet. Die Filme können wahlweise zeitlich versetzt oder synchron abgespielt werden. Durch die auf diese Weise sich jeweils anders herausbildenden Klang- und Bild- sowie filmischen Collagen werden die ausgewählten Filme miteinander in formale wie inhaltliche Beziehung gesetzt, schälen sich visuelle wie auditive Parallelen oder Muster, Gegensätze und Schleifen, Harmonien und Disharmonien heraus. Darüber hinaus besteht die Möglichkeit mittels eines Klicks auf das Youtube-Logo, den jeweils einzelnen Film im Kontext des vom selben User betriebenen Channels oder seines Vlogs anzuschauen, d.h. Reaktionen und Antwortfilme anderer User mit in die Betrachtung der Installation einzubeziehen sowie weitere Filme desselben Users usw.

Kindheitserinnerung ist nicht gleich die Summe einer chronologisch angeordneten Reihe von Ereignissen, sondern die Konstruktion dieser Ereignisse mittels vorgeformter Erinnerungsmuster und –figuren. Weder bildet sie unsere Kindheit, wie sie sich tatsächlich ereignet hat, ab, noch könnte sie jemals vollständig sein. In der Regel umfasst sie eine Reihe von Situationen, Dingen, Begebenheiten etc., denen ein hoher emotionaler Wert und Grad an Besonderheit zugeschrieben wird. In unserer Vorstellung von unserer Vergangenheit implizieren die auf diese Weise entstehenden Erinnerungsfiguren eine symbolische Funktion, deren Entschlüsselung nicht selten in den Bereich des Unbewussten führt. Manche dieser Figuren werden traditionell auch als Symbole von Wendepunkten betrachtet. Durch die Summe ihres dramaturgischen, gestischen, erzählerischen und symbolischen Inventars ist jede    Kindheitserinnerung zugleich Teil kollektiver Erinnerung und kollektiven Erinnerns sowie des Prozesses, der in der Bildung eines „Gedächtnisses der Formen“ besteht.

Die Filme, die Teil der Installation „Filling the Fade“ sind, vermitteln einen Eindruck hiervon. In ihnen halten die Filmenden „wichtige Momente“ im Leben ihrer Kinder fest: die erste Schulaufführung, das Auspacken von Weihnachtsgeschenken, das Spiel mit einem riesigen (wahrscheinlich geschenkten) Stoffbären, ein Versteckspiel, bei dem deutlich wird, mit welcher Naivität das Kind noch behaftet ist, der Weg am ersten Tag in den Kindergarten usw. Es handelt sich um „traditionelle“  Erinnerungsfiguren der Kindheit, die durch das Mediums „YouTube“ nicht nur fortbestehen, sondern um das Filmische erweitert und damit modifiziert werden. Dank der Millionen von Partizipierenden werden sie außerdem unendlich vervielfältigt. Betrachtet man weitere Videos, so wird jedoch auch deutlich, dass die relativ einfache Handhabung des Mediums nicht nur die immense Vervielfältigung von Erinnerungsfiguren bewirkt, sondern auch zu „Innovationen“ führt. Hier scheint der Wunsch nach Vollständigkeit zu wirken. Fast keine Alltagsgeste und –handlung ist zu gering zu schätzen, als dass sie nicht Eingang in das Archiv des Web 2.0 fände. Das Kriterium des Besonderen, wie oben beschrieben, wird zwar nicht gänzlich aufgehoben, doch mischt sich daneben das Alltägliche wie etwas, das zu würdigen längst fällig war, ein.
Die kommunikativen Strukturen von „Youtube“ – Videoantworten, -kommentare etc. – bewirken, dass fast jede gefilmte Geste, Handlung oder filmische Form schnell ihre Nachahmer findet. Die Generierung neuer Erinnerungsfiguren, ihre Nachahmung bzw. das Spiel mit geläufigen oder bereits bestehenden Erinnerungsfiguren bilden die Hauptmerkmale des Erinnerungskosmos auf “Youtube”. Dies zeigt sich insbesondere dann, wenn man auf die Channel der User geht oder sich das von „YouTube“ zur Verfügung stehende Angebot„ähnlicher Filme“ anschaut. Das Moment des „Nachspielens“ als signifikante Form der Erinnerungskultur des Web 2.0. zeigt sich auch in den Episoden, in denen entweder Filme nachgespielt, „Überschrieben“, d.h. mit eigenen Dialogen überlegt oder „Lieblingsszenen“ aus Filmen heraus gestellt werden.

Dabei findet durchaus ein bewusster Umgang mit vorgefundenem Material und den vorhandenen bzw. auf „Youtube“ generierten Erinnerungsfiguren statt. So schneidet einer der User eine Unmenge von Filmsequenzen zusammen, die alle zeigen, wie sich unter dem Weihnachtsbaum Kinder über ihre (wahrscheinlich erste) Wii freuen und dabei in einen geradezu hysterisch anmutenden Zustand geraten. Der daraus entstehende Film verdeutlicht,  inwiefern das Web 2.0 „erinnerungswürdige“ Ereignisse (vor-)produziert. Dabei wird kollektiv an einer gemeinsamen Erinnerungskultur „gefeilt“, in der sich die Spanne der „erinnerungswürdigen“ Ereignisse beständig zu erweitern und gleichzeitig bezogen auf die individuelle Erinnerung zu verengen scheint.

Auffällig an dem Ereignis „mein Geschenk, die Wii“, das, wie der User vorführt dank „Youtube“ zur gemeinsamen Erinnerungsfigur gerinnt, ist das Zusammenfallen von Konsum und Kindheitserinnerung. Dieses Moment taucht in vielen der in der Installation präsentierten Filme auf. So auch in einem explizit als Erinnerungsvideo gedrehtem Video, in dem uns der Filmer an die durch alte Filme und Fotos, die ihn mit einem jeweils anderen Apple Macintosh Personal Computer zeigen, an seiner Erinnerung teilhaben lässt. Sichtlich gerührt vollzieht er noch einmal die bewegenden Momenten mit diesen Geräten nach und teilt uns sein Glücksgefühl mit, daran dank der gefundenen Filme und Fotos nach einmal teilhaben zu können. An der Art seines Sprechens wird deutlich, dass er davon ausgeht, dass seine Erinnerung von anderen geteilt wird, sie also ähnlich empfinden wie er (hier bekommt das Wort „Rechnergeneration“ einen ganz neue Bedeutung).
In vielen der Filme der Installation „Filling the Fade“ geht es um die Darlegung der „good moments“, die ausgelöst wurden durch „Spielzeuge“, Sammelobjekte, technische Innovationen oder Filme. Die wie die Installation zeigt von der Unterhaltungsindustrie hervorgebrachten Erinnerungsfiguren sind zahlreich. Sie bilden nicht nur das Bindeglied in der Kommunikationskette (mit-) geteilter Erinnerung auf der Distributionsplattform, sondern setzen überdies den erinnernden Konsumenten ins Zentrum seiner eigenen Kindheitserinnerung. Als Teil des Erinnerungskosmos im Web 2.0. potenziert sich der emotionale Wert der Konsumgüter geradezu gigantisch. Da sich Kindheitserinnerung traditionell um die „good moments“ dreht, verwundert es kaum, dass die Videos nicht selten Werbefilmen gleichen – in diese Richtung ist auch das häufig die Filme abschließende „Thank you for watching“ zu interpretieren – , so sehr der sich Erinnernde seine individuelle Beziehung zu den Dingen auch betonen mag.

Dass das Medium des Erinnerns Erinnerung quasi vorwegnimmt, bevor sie stattfindet, ist, wie bereits erwähnt, nur die eine Seite der Medaille. Die andere ist, wie die Installation „Filling the Fade“ ebenfalls zeigt, dass es das Medium ist, welches Distanz und damit eine kritische Selbstbefragung der eigenen Erinnerung und damit auch der eigenen Identität ermöglicht. Wie die Installation deutlich macht, sind sich einige Netzuser dessen bewusst, wie das Video zur Wii- Schenkung zeigte. In einem anderen Video der Installation verbrennen zwei junge Mädchen auf einer Wiese gemeinsam eine Baby-Puppe. Dabei ist eines der Mädchen im Stil des zu verbrennenden Vorbildes gekleidet. Der Vorgang wird genussvoll ausgedehnt, bis von der Puppe am Ende nur noch ein verstümmeltes, verkohltes Stück Plastik übrig ist, das an ein Verbrennungsopfer erinnert. Die gefilmte Performance scheint sich offensichtlich gegen die gerade beschriebene Verknüpfung von Kindheitserinnerung/Identität und Unterhaltungsindustrie zu wenden. Tatsächlich handelt es sich dabei um ein weit verbreitetes (filmisches) Ritual.
Eine andere Userin versucht durch den dokumentarischen Charakter, dem Filmen des ersten Schultages nach den Schulferien den sonst üblichen Erinnerungsvideos ein neues und komplexeres Bild entgegen zu setzen.
Während hier über andere – nicht unbedingt neue Formen – die übliche Form des Erinnerungsvideos aufgebrochen wird, benutzen wieder andere die Form des Erinnerungsvideos ganz bewusst als Mittel zur persönlichen Mitteilung und zur Bekundung von Zuneigung. Die betreffenden Filme richten sich an die beste Freundin, den Sohn, die Töchter etc. In einem der Videos werden z.B. Fotos und kurze Filmsequenzen gemeinsam erlebter Momente montiert, um die beste Freundin an die gemeinsam verbrachte Zeit zu erinnern. Die gewählte Form des Erinnerungsvideos soll deutlich das Besondere und Außergewöhnliche dieser Freundschaft hervorheben.
Wenn ein kleiner Junge im Kreise seiner Familie die Kerzen auf seiner Geburtstagstorte ausbläst, sieht man an der Reaktion der Familienmitglieder wie sehr sich diese Familie um ihn sorgt, kümmert usw. Auch die stolze Präsentation einer Weihnachtsbaumlichtinstallation eines Vaters und seiner beiden etwa 8-Jährigen Töchter berührt durch die Art, wie sie den Baum und sich selbst in Szene setzen.
Es liegt in dem Charakter festgefügter Rituale und Formen von Erinnerungskultur, dass sie sich einerseits als „Gemachtes“ entlarven lassen, während sie andererseits dem Einzelnen offensichtlich Ausdrucksmöglichkeiten zur Verfügung stellen, mittels derer Emotionen (mit-)geteilt und Gemeinsamkeiten und Verbundenheit zelebriert werden können. Im Fall der Erinnerungsfiguren von Kindheitserinnerung geschieht dies, indem sie Menschen wie Dinge mit der Aura des Besonderen belegen.

Es gibt wohl kein Medium, das derartig die (Mit-)teilsamkeit befördert, wie das Web 2.0. Gerade dieser Mitteilungscharakter ist es aber, der seine Stärke ausmacht. In dem von der Installation „Filling the Fade“ untersuchten Zusammenhang von Kindheitserinnerungen und ihrer Erinnerungskultur im Netz, richten die Autoren ihre Aufmerksamkeit auf die starke Verbindung von Konsum und Erinnerungskultur. Sie thematisieren außerdem die durch die mediale Vermittlung unser individuellen Erinnerung hervorgebrachte unaufhörliche Suche nach gemeinsamen Erinnerungsformen, nach neuen Formen der Re-Produktion von Erinnerungsfiguren sowie die bewusste Auseinandersetzung mit diesen.

Quellen: Halbwachs, Maurice: Das Gedächtnis und seine sozialen Bedingungen, Berlin 1989.

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