das paradox der avantgarde – (es existiert kein wahres Leben im falschen …)

„tatsächlich hat die künstlerische Avantgarde durch den Versuch der Überführung der Kunst in Leben die Aura der Kunst abschütteln wollen. Duchamps Readymades, Brechts Desillusionierung des Theaters und die Öffnung der Kunst zur Pop-Art sind derartige Versuche. Sie sind gescheitert oder zumindest in ihrem Ergebnis paradox. Denn gerade dadurch, dass Duchamp ein Readymade zum Kunstwerk erklärte, hat es auratisiert, und nun stehen seine Readymades genauso Distanz und Achtung gebietend in den Museen wie etwa eine Skulptur von Veit Stoß. Es ist der Avantgarde nicht gelungen, die Aura abzuwerfen und dadurch aus den heiligen Hallen der Kunst ins Leben hinauszutreten. Aber gelungen ist ihr zweifellos, die Aura von Kunstwerken, ihren Heiligenschein, ihre Atmosphäre, ihren Nimbus zu thematisieren.“
Gernot Böhme Atmosphäre … S.26 -1995

Böhme und Daniels bemerken beide die Paradoxie, die sich aus der kritischen Verweigerungshaltung der Kunstproduzenten gegenüber ihrem Kontext ergibt, und aus welchem heraus sie eigentlich nur zu denken und zu erklären sind. Die Künstler sägen also an dem Ast, auf welchem sie sitzen. Im Herabstürzen jedoch lösen sich all die Zweifel auf. Diejenigen, die die Kunst verlassen, schlagen ja förmlich im Markt und Kunstbetriebssystem durch. Das Paradoxe quält scheinbar nur im Sägen selbst, in der ständigen Selbst-Befragung, im Vergleich mit den Idealen und einer Definition von Kunst, die noch aus dem 18/19 Jh. zu stammen scheint. Ideen von der dem ordinären Leben enthobenen Künstlerpersönlichkeit, dem Wert der Kunstwerke, der sich nicht in Geld bemessen lässt, oder die sich nicht als Ware in den Konsumkreislauf einfügen lassen, bestimmen noch immer die Vorstellung von dem, was Kunst und Kunstwerke sein sollten. Dass nun genau die gelebten Paradoxien am besten funktionieren, d.h. dass sie als solche von den sie erzeugenden Beteiligten nicht mehr wahrgenommen werden, verweist darauf, dass nur die Beschreibungsmodelle, die intellektuelle Reflexion (im Rahmen eines scheinbar nicht mehr anwendbaren Begriffssystems) diese Probleme aufwerfen können – denn die Handelnden selbst handeln recht erfolgreich. Während Böhme versucht ein neues Begriffssystem, eine neue Beschreibungsform zu entwickeln – wobei er zuallererst die Urteilsästhetik verwirft, um so zu einer neuen und angemesseneren Beschreibungsform zu finden-, betrachtet Daniels primär die Möglichkeiten, die den Künstlern selbst zur Verfügung stehen, kann aber keinen endgültigen Vorschlag entwickeln, da er noch keinen neuen und angemessenen Begriff von Kunst entwickelt hat.

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